Schwanen-Framing

„Neverland“ an der Jungen Oper Dortmund (Fotos: Björn Hickmann)

Eine Frage, die mich gerade umtreibt: kann es sein, dass unsere Lohengrin-Version für Jugendliche vor allem bei Kritikerinnen gut ankam?

„Lohengrin ist hier der Angeklagte, nicht mehr Elsa. Sie ist nicht die arme passive Frau, die gerettet werden muss, sondern selbstbestimmte Anklägerin. Was für ein Wandel. Und das, obwohl sich der allergrößte Teil des Texts und auch der Musik nahezu unverändert an Wagners Original hält. […] Die Produktion zeigt die Stärke der Jungen Oper, die darin liegt, den etablierten Stoff in intimem Rahmen von ganz anderer Seite zu betrachten, ohne sich an irgendwelche Gepflogenheiten halten zu müssen.“

Schrieb Hannah Schmidt in der Westfälischen Rundschau (28.10.2019), und in der Deutschen Bühne (27.10.2019) war unter dem Titel ‚Akte der Selbstbestimmung’ zum Beispiel zu lesen:

„Was für eine Entwicklung vom zarten und verliebten Umwerben, das ganz spielerisch beginnt, bis hin zu diesem Gewaltausbruch – Lohengrin verrät tatsächlich nicht nur, wie er heißt, er zeigt auch, wer er ist: bereit, die Geliebte zu erwürgen, um sie nicht verlassen zu müssen. Bereit, zu töten, um nicht erkannt, nicht entblößt zu werden. […] In „Neverland“ fragt nicht das unwissende, naive Weib, das zuvor gerettet und um das ganz herrschaftlich gekämpft werden musste – es fragt eine selbstbestimmte Frau. […] Lohengrin aber singt sein „In fernem Land, unnahbar euren Schritten/ liegt eine Burg, die Monsalvat genannt“ nur noch für sich, allein um ihn herum schwebt oder schwimmt ein Schwan, dessen Hals und Flügel bezeichnenderweise aus Elsas Brautschleier bestehen. Dann stirbt er, mit offenen Augen. Ohne eine hörige Elsa und ohne sein Geheimnis ist er nicht mehr Lohengrin. Dieser Mann muss sich angesichts der modernen Frau neu definieren – und plötzlich ist Wagner hochaktuell.“ (Die ganze Kritik finden Sie hier: https://www.die-deutsche-buehne.de/kritiken/akte-der-selbstbestimmtheit)

Während Detlef Brandenburg im Video-Blog derselben Zeitschrift verhältnismäßig wenig mit der Produktion anfangen konnte (4.12.2019):

Pedro Obiera vermisste in der Westdeutschen Allgemeinen Zeitung (28.10.2019) „Magie und Opulenz“:

„Gerade für junge Leute sollte man, was Aufwand, Dekoration und Bühnenzauber angeht, klotzen, nicht kleckern. Die Darsteller agieren auf der kleinen Spielfläche der „Jungen Oper“, mit problematischen Sichtverhältnissen. Da die Bühne an zwei Seiten vom Publikum flankiert wird, erübrigen sich Bühnenbilder. Man begnügt sich mit Requisiten, wobei der Schwan als Dekoration einer Sitzbank dienen darf. Die Magie, die von Lohengrins Auftritt mit dem vom Schwan gezogenen Nachen ausgeht, bleibt aus, wie das Autorenteam überhaupt alle übersinnlichen, alle politischen Aspekte des Werks eliminiert.“

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Ich hatte die Gelegenheit, bei zwei Vorstellungen dabei zu sein, bei denen ausschließlich Schüler*innen im Publikum saßen, in einem Fall durfte ich sogar an einer Nachbesprechung teilnehmen. Mein Eindruck war, dass die Konzentration relativ hoch war (dies bestätigten mir auch die vier Darsteller*innen) und dass die stark reduzierten szenischen Vorgänge (wir hatten auf den Proben immer mehr weggelassen) das Verständnis, auch des Textes, erhöhten. Ob es uns damit allerdings gelungen ist, zentrale Aspekte des ‚Lohengrin’ freizulegen oder nicht, vermag ich auch nach getaner Arbeit nicht zu beurteilen: das Stück bleibt mir in Vielem rätselhaft, und das meine ich durchaus positiv.

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Othmar Schoeck Festival in Brunnen (CH) ab 2020 jeweils im September

Zum Schluss darf ich noch verkünden, dass es gelungen ist, eine Fortsetzung des Othmar Schoeck Festivals in meinem Elternhaus in Brunnen aufzugleisen. Ab 2020 wird jährlich ein Festivalwochenende im September stattfinden.

Weiterhin wollen wir an den Schnittstellen zwischen Kunst, Aufarbeitung und Wissenschaft hoffentlich relevante Beiträge ‚out of the box’ ermöglichen. Das erste Festival wird sich vom 11. bis zum 13. September 2020 unter dem Titel ‚Amazonen’ mit den sich wandelnden Frauenbildern und –rollen im Übergang von der Romantik zur Moderne auseinandersetzen.

Ich wünsche allseits schöne Festtage!

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